Warum spielen wir?

Diese Frage klingt sehr einfach und die meisten würden sie wahrscheinlich ganz simpel beantworten:
„Weil es Spaß macht!“

Aber historisch und auch psychologisch gesehen ist diese Frage nicht ganz so leicht zu beantworten, denn die Wurzeln des „Spiels“ sind in uns Menschen evolutionär und kulturell stark verwachsen.

 

Es gibt eine ganze Spielwissenschaft, die sich mit den einzelnen Aspekten der Spielpsychologie, Spielpädagogik, Spieldidaktik, Spielmethodik und der allgemeinen Geschichte des Spiels bzw. der Spielsoziologie beschäftigt. Aber keine Angst: es würde den Rahmen sprengen, wenn ich jetzt jede einzelne Theorie über das menschliche Spielverhalten hier wiedergeben müsste. Deshalb möchte ich mich auf die wesentlichen und interessantesten Punkte konzentrieren und diese in sehr kurzer Form erläutern, damit wir auch mal aus "pädagogisch-psychologischer Perspektive" erfahren können, warum das "Spielen" für die Entwicklung eines Kindes so wichtig ist...

 

Da er wohl mit der bekannteste Vertreter der Psychologie ist, möchte ich mit der Ansicht Freuds (1920) anfangen, denn seine Betrachtungsweise von „Spielen“ werden wahrscheinlich auch heute noch viele nachvollziehen können. Für Sigmund Freud war das „Spielen“ eine Art „Flucht“ aus der Realität. Da wir ständig den gesellschaftlichen Regeln und Zwängen untergeordnet seien, erschaffen wir uns im Spiel eine neue „Wunschwelt“/“Fantasie-Welt“, in der wir sein können und dürfen, wie wir sein wollen. Das habe nicht nur den Zweck, unsere menschlichen, triebhaften Bedürfnisse, wie zum Beispiel gewisse Aggressionen oder geheime Wünsche auszuleben, sondern ermögliche laut Freud auch das Verarbeiten von bestimmten Konflikten. Ein anderer großer Name in der Entwicklungspsychologie ist Jean Piaget (1969), der das "Spielen" vor allem als Nachahmung (z.B. das Verhalten der Eltern) und als Erlernen von einem gewissen Rollenverhalten (in der Gesellschaft) betrachtet hat. Und in diesem Zusammenhang möchte ich auch schon einen dritten Namen nennen: Lew Wygotski (1933). Wygotski sah das "Spiel" als die Wunscherfüllung des Kindes an, so zu sein wie seine Eltern. Im "Spiel" könne man in jede Rolle schlüpfen und alles sein, was man wolle und sich vorstellen kann.

 

Um diese und alle anderen Theorien auf eine Basis zu bringen, kann man sagen, dass das „Spiel“ ein Ausdruck und eine Form der kognitiven und motorischen Entwicklung ist. Wir lernen spielerisch, wie die Welt funktioniert und können uns in unserer Fantasiewelt frei entfalten. Auch kann das "Spielen" uns helfen, mögliche Probleme oder innere Konflikte zu realisieren und zu be- oder verarbeiten. Im "Spiel" können wir uns aber auch ebenso gut einfach entspannen, die Zeit vergessen und uns unseren Wünschen überlassen. Es ist aber auch ein „sich ausprobieren und anpassen“ lernen, wie wir zum Beispiel auch im Tierreich am Spielverhalten kleiner Löwen sehen können. Im Duden wird deshalb der Begriff „Spiel“ auch als „zweckfreies Tun“ der Erwachsenen beschrieben und für Kinder als „grundlegende Form der Auseinandersetzung mit der Umwelt“. Das "Spiel" dient der „Bewältigung der Realität“.

 

Die vielen einzelnen Spiel-Varianten lassen sich in folgende Bereiche gliedern:

 

  • Spielend Kontakte knüpfen (Kennenlernspiele)
  • Spielend sich bewegen (Bewegungsspiele)
  • Spielend seine Sinne erproben (Wahrnehmungsspiele)
  • Spielend sich messen (Wettspiele)
  • Spielend Abenteuer erleben (Abenteuerspiele)
  • Spielend Probleme lösen (Denkspiele)
  • Spielend sich entspannen (Entspannungsspiele)
  • Spielend ein anderer sein (Rollenspiele)
  • Spielend lernen (Lernspiele)
  • Spielend sein Glück versuchen (Glücksspiele)
  • Spielend bauen und konstruieren (Konstruktionsspiele)
  • Spielend in virtuelle Welten eintauchen (Elektronikspiele)
  • Spielend früheren Zeiten begegnen (Historische Spiele)
  • Spielend anderen Völkern begegnen (Kulturanthropologische Spiele)

 

Das "Spielen" gehört also nicht nur historisch gesehen mit zu den menschlichsten Verhaltensstrukturen, sondern ist auch biologisch fest in uns verankert und gehört sozusagen zu dem natürlichsten (sozialen) Entwicklungsverhalten des Menschen.

Das Spiel ist für die Entwicklung des Kindes eine zentrale Tätigkeit“[Oerter, R., 1999].

Schön, dass "Spielen" aber auch einfach richtig viel Spaß machen kann!

 

Quellen:

Heckhausen, H. (1963/64). Entwurf einer Psychologie des Spielens. Psychologische Forschung, 27, 225-243. Springer Verlag.

Oerter, R. (1999). Zur Psychologie des Spiels. Weinheim: Beltz.

Zimbardo, P.; Gerrig, J. ( 2004). Psychologie. Pearson Studium.

Duden-Lexikon P-Z (Band 3, 7. Auflage). „Spiel“. Zürich: Bibliographisches Institut.

http://de.wikipedia.org/wiki/Entwicklungspsychologie

http://de.wikipedia.org/wiki/Spiel

http://de.wikipedia.org/wiki/Spielwissenschaft


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Kommentare: 1
  • #1

    Karina W. (Montag, 04 Mai 2015 17:04)

    Hey Annika,
    sehr psychologisch geschrieben - man merkt, dass du vom "Fach" bist :-) Aber auch echt gut und interessant, wusste vieles davon gar nicht beziehungsweise war es mir nie so wirklich bewusst. Bis jetzt! Finde die ganze Seite und die ganzen Rubriken echt gut gemacht, sehr informativ. Hoffe nutzen noch mehr Leute deine Seite und unterstützen dich auch etwas. Ich werde auf jeden Fall bald wieder reinschauen und sehen, was es Neues gibt! Danke für dein Engagement! :-)
    LG
    Karina